Demenz: Neues Modell der häuslichen Versorgung bewährt sich im Praxistest
Für viele Menschen mit Demenz ist es ein großer Wunsch: so lange wie möglich zuhause leben. Doch die Betreuung kann komplex sein: Medikamente werden nicht immer wie verordnet eingenommen, ambulante Pflegeangebote bleiben ungenutzt oder es fehlt an Unterstützung im Haushalt und beim Transport zu Arztterminen. Hier setzt das vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) entwickelte „Dementia Care Management“ an: Speziell geschulte Pflegefachkräfte unterstützen Betroffene und ihre Angehörigen nicht nur bei Organisation und Pflege – erstmals dürfen sie bei Bedarf medizinische Aufgaben übernehmen, die sonst Ärzt:innen vorbehalten sind. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) empfiehlt, das Dementia Care Management in die Regelversorgung einzuführen.
Den Nutzen des Dementia Care Managements (DCM) belegt eine Studie namens InDePendent mit über 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Hessen.
- Das DCM reduziert unerfüllte Versorgungsbedarfe deutlich – nach sechs Monaten um rund 75 Prozent im Vergleich zur üblichen Routineversorgung.
- Die Lebensqualität steigt messbar, vor allem bei alleinlebenden Menschen mit Demenz.
- Pflegende Angehörige und Hausärzt:innen werden entlastet.
- Das Konzept spart Kosten: Behandlungskosten werden vermieden, die sonst langfristig zu erwarten sind.
„Das positive Votum aus dem G-BA gibt diesem Versorgungskonzept nun weiteren Rückenwind. Wir setzen uns sehr dafür ein, dass das Dementia Care Management in die Praxis kommt“, so Prof. Wolfgang Hoffmann, Versorgungsforscher am DZNE-Standort Rostock/Greifswald.
In der Studie erprobten die Wissenschaftler erstmals, was es bedeutet, wenn die Dementia Care Manager nach staatlicher Prüfung medizinische Befugnisse hatten, die sonst ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten sind. Dazu zählt zum Beispiel Injektionen zu verabreichen, Pflegehilfsmittel zu verordnen sowie komplexe Wunden zu versorgen. Die Dementia Care Manager machten das in enger Abstimmung mit den behandelnden Hausärztinnen und Hausärzten. „Zugleich wurden die zugehörigen Hausärztinnen und Hausärzte wirksam entlastet, weil diese in der Regel nur sehr begrenzte Kapazitäten für Hausbesuche haben“, erklärt Dr. Anika Rädke, Forscherin am DZNE und Erstautorin der Fachveröffentlichung zur aktuellen Studie.
Aus Sicht der Krankenkassen war die Betreuung im Rahmen des Dementia Care Managements zwar zunächst mit höheren Kosten verbunden als die Regelversorgung – die Evaluation zeigt jedoch, dass das Konzept insgesamt kosteneffektiv ist. „Man muss die Einsparungen mitberücksichtigen. Denn Dementia Care Management hilft, Kosten zu vermeiden“, so Wolfgang Hoffmann. „Wenn die Care Manager heilkundliche Aufgaben ausführen, statt der Ärztinnen und Ärzte, dann ist das wirtschaftlich günstiger. Außerdem trägt die bessere pflegerische Versorgung zum allgemeinen Gesundheitszustand bei. Dadurch werden Behandlungskosten vermieden, die sonst langfristig zu erwarten sind. Unsere aktuellen Befunde und Langzeitdaten aus Vorgängerprojekten belegen, dass das Dementia Care Management, insgesamt gesehen, kosteneffektiv ist.“
Langzeitdaten aus früheren Projekten belegen darüber hinaus, dass das Dementia Care Management dazu beiträgt, einen Umzug ins Pflegeheim hinauszuzögern – ganz im Sinne vieler Betroffener, die möglichst lange selbstbestimmt zu Hause leben möchten.
Der Nutzen ist damit wissenschaftlich belegt, die Übernahme in die Regelversorgung ausdrücklich empfohlen. Die Verantwortlichen der Greifswalder Studie hoffen nun, dass aus dem erfolgreichen Versorgungskonzept eine erstattungsfähige Leistung wird, die künftig von den Krankenkassen übernommen wird – und damit vielen Menschen mit Demenz dauerhaft zugutekommt.
Quelle: DZNE


Dementia Care Managerin beim Hausbesuch. | © DZNE / Kurda








