Forschende am Standort Mannheim-Heidelberg-Ulm des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit (DZPG) haben in der NAKO-Gesundheitsstudie einen Zusammenhang zwischen Zigarettenkonsum und dem Auftreten von Depressionen nachgewiesen. Die Untersuchung zeigt: Aktuelle und ehemalige Rauchende leiden häufiger an Depressionen als Menschen, die nie geraucht haben. Zugleich belegt die Studie die positive Wirkung eines Rauchstopps auf die psychische Gesundheit.
Für die Analyse wurden Daten von 173.890 Personen im Alter zwischen 19 und 72 Jahren ausgewertet, darunter 50 Prozent Frauen. Die Teilnehmenden gaben in Interviews und standardisierten Fragebögen Auskunft über ärztlich diagnostizierte Depressionen, aktuelle depressive Symptome sowie ihr Rauchverhalten. Dabei teilten sich die Teilnehmenden in drei Gruppen: 81.775 hatten nie geraucht, 58.004 waren ehemalige und 34.111 aktuelle Rauchende.
„Obwohl der Zusammenhang zwischen Rauchen und Depressionen bereits gut belegt ist, sind die Mechanismen des Zusammenspiels nach wie vor unzureichend bekannt. Wir haben in unserer Studie daher insbesondere die Dosis-Wirkungs-Beziehungen und zeitlichen Faktoren wie das Alter bei Beginn und die Zeit seit der Rauchentwöhnung untersucht“, erklärt Maja Völker, Doktorandin der Abteilung Genetische Epidemiologie in der Psychiatrie am ZI.
Die Ergebnisse zeigen eindeutige dosisabhängige Effekte: Je mehr Zigaretten täglich konsumiert wurden, desto ausgeprägter waren die aktuellen depressiven Symptome (0,05 Symptome mehr pro zusätzlicher Zigarette). Auch das Einstiegsalter spielt eine Rolle: Ein späterer Beginn des Rauchens ging mit einem späteren Auftreten der ersten Depression einher (0,24 Jahre pro Jahr späterem Rauchbeginn).
Besonders deutlich traten die Unterschiede zwischen Rauchenden und Nie-Rauchenden in der Altersgruppe der 40- bis 59-Jährigen zutage. „Das weist darauf hin, dass neben sozialen Faktoren auch zeitliche Effekte eine Rolle im Zusammenspiel von Rauchen und psychischer Gesundheit spielen könnten", sagt Carolin Marie Callies, Doktorandin am Lehrstuhl für Gesundheitspsychologie der Universität Mannheim.
Eine zentrale Erkenntnis der Studie: Je länger ein Rauchstopp zurücklag, desto länger lag auch die letzte depressive Episode zurück (0,17 Jahre pro Jahr Rauchabstinenz). „Unsere Beobachtungen unterstreichen, wie wichtig es ist, den Einstieg ins Rauchen zu verhindern und die Entwöhnung zu fördern, um die psychische Gesundheit zu verbessern.
Besonders hervorzuheben sind in dieser Hinsicht die dosisabhängigen Auswirkungen des Rauchverhaltens: Ein höherer Zigarettenkonsum ging nach unserer Auswertung mit schwereren depressiven Symptomen einher, während ein längerer Zeitraum seit dem Rauchstopp mit besseren Depressionswerten verbunden war", betont Dr. Fabian Streit, DZPG-Wissenschaftler am Hector Institut für Künstliche Intelligenz in der Psychiatrie am ZI.
Die Forschenden weisen darauf hin, dass das Querschnittsdesign der Studie keine kausalen Schlussfolgerungen zulässt. Zukünftige Längsschnittanalysen sowie die Integration genetischer und bildgebender Daten sollen zum Verständnis der Mechanismen und möglicher Kausalzusammenhänge beitragen.
Quelle: DZPG
Erstmals belegt eine internationale Analyse: Wenn Menschen mit Prädiabetes ihren Blutglukosewert durch Lebensstiländerung wieder in den Normalbereich bringen, halbiert sich ihr Risiko für Herzinfarkt, Herzschwäche und frühen Tod. Diese Erkenntnis könnte die Prävention revolutionieren – und ein neues, messbares Ziel für die Leitlinien etablieren. An der Studie waren Forschende des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD), des Universitätsklinikums Tübingen und Helmholtz Munich beteiligt.
Millionen Menschen in Deutschland leben mit erhöhten Blutglukosewerten, ohne es zu wissen. Sie gelten damit als „prädiabetisch“ – ein Frühstadium, das bislang ohne klar definiertes Therapieziel blieb. Menschen mit Prädiabetes erhalten in der Regel die Empfehlung, Gewicht zu verlieren, sich mehr zu bewegen und sich gesünder zu ernähren. Diese Lebensstiländerungen sind sinnvoll: Sie verbessern Fitness, Wohlbefinden und verschiedene Risikofaktoren. Doch eine entscheidende Frage blieb bislang offen: Schützen sie das Herz auch langfristig? Bisher konnte kein Lebensstilprogramm für Menschen mit Prädiabetes überzeugend zeigen, dass es Herzinfarkte, Herzschwäche oder kardiovaskuläre Todesfälle über Jahrzehnte hinweg nachhaltig reduziert.
Eine gemeinsame Auswertung zweier der weltweit größten Diabetespräventionsstudien – aus den USA und China – bringt nun Klarheit. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus den USA und China konnten Forschende des DZD, des Universitätsklinikums Tübingen und von Helmholtz Munich zeigen: Entscheidend ist offenbar nicht die Lebensstiländerung an sich, sondern ob es Menschen mit Prädiabetes gelingt, dadurch ihre Blutglukosewerte wieder in den Normalbereich zu bringen – mit anderen Worten, ob sie eine Remission des Prädiabetes erreichen.
Die Langzeitdaten von mehr als 2.400 Menschen mit Prädiabetes belegen: Menschen, denen es gelingt, ihren Blutglukosewert zu normalisieren, haben ein deutlich geringeres Risiko, an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben oder wegen Herzschwäche ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, als diejenigen, deren Glukosewerte erhöht bleiben – selbst dann, wenn beide Gruppen in ähnlichem Ausmaß an Gewicht verlieren.
In beiden Studien war für die Teilnehmenden das Risiko kardiovaskulärer Todesfälle um rund 50 % geringer, auch die Sterblichkeit insgesamt sank signifikant. Die amerikanische Studie beobachtete ihre Probanden über einen Zeitraum von 20 Jahren, ihr chinesisches Pendant sogar über 30 Jahre. Unter Führung des Tübinger Teams wurden diese Datensätze harmonisiert und erneut ausgewertet, um Raten von kardiovaskulärem Tod und Hospitalisierung wegen Herzinsuffizienz bei Personen mit und ohne Prädiabetes-Remission zu vergleichen.
Bisher stützt sich die Herz-Kreislauf-Prävention auf drei Säulen: Blutdruckkontrolle, Senkung des LDL-Cholesterins und Rauchstopp. Mit den neuen Erkenntnissen könnte ein vierter Pfeiler hinzukommen: die nachhaltige Normalisierung der Blutglukose bei Prädiabetes. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Remission des Prädiabetes nicht nur – wie bereits bekannt – den Ausbruch eines Typ-2-Diabetes verzögert oder verhindert, sondern Menschen auch langfristig vor schweren Herzkreislauferkrankungen schützt – und zwar über Jahrzehnte hinweg“, sagt Prof. Dr. Andreas Birkenfeld, Vorstandsmitglied des DZD und Ärztlicher Direktor der Medizinischen Klinik IV am Universitätsklinikum Tübingen. Ein nüchterner Blutglukosewert von ≤ 97 mg/dl erwies sich als einfacher Marker für ein dauerhaft geringeres Herzrisiko – unabhängig von Alter, Gewicht oder ethnischer Herkunft. Diese Schwelle könnte weltweit in der Hausarztpraxis Anwendung finden und so die Prävention greifbarer machen.
Deutschland hinkt bei präventiver Gesundheitsversorgung hinterher. Laut dem aktuellen Public Health Index belegt das Land den vorletzten Platz von 18 untersuchten europäischen Ländern bei der Umsetzung wissenschaftlich fundierter Präventionsmaßnahmen. Dies hat zur Folge, dass das Risiko in Deutschland an einer Herzkreislauf-Erkrankung zu versterben signifikant erhöht ist im Vergleich mit europäischen Nachbarn.
Die neue Studie zeigt, welches Potenzial ungenutzt bleibt – und wie konkrete Zielwerte die öffentliche Gesundheit entscheidend verbessern können. „Wir sehen ein klares therapeutisches Fenster: Wenn die Glukosewerte bereits im Stadium des Prädiabetes normalisiert werden, kann das langfristige Risiko für Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und vorzeitigen Tod deutlich reduziert werden. Unsere Daten sprechen dafür, Remission ausdrücklich als primäres Therapieziel in Leitlinien zur Prävention von Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verankern“, appelliert Prof. Dr. Birkenfeld.
QUELLE: DZD
Für viele Menschen mit Demenz ist es ein großer Wunsch: so lange wie möglich zuhause leben. Doch die Betreuung kann komplex sein: Medikamente werden nicht immer wie verordnet eingenommen, ambulante Pflegeangebote bleiben ungenutzt oder es fehlt an Unterstützung im Haushalt und beim Transport zu Arztterminen. Hier setzt das vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) entwickelte „Dementia Care Management“ an: Speziell geschulte Pflegefachkräfte unterstützen Betroffene und ihre Angehörigen nicht nur bei Organisation und Pflege – erstmals dürfen sie bei Bedarf medizinische Aufgaben übernehmen, die sonst Ärzt:innen vorbehalten sind. Der Innovationsausschuss beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) empfiehlt, Ansätze aus dem Dementia Care Management in die Regelversorgung einzuführen.
Den Nutzen des Dementia Care Managements (DCM) belegt eine Studie namens InDePendent mit über 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Hessen.
„Das positive Votum aus dem G-BA gibt diesem Versorgungskonzept nun weiteren Rückenwind. Wir setzen uns sehr dafür ein, dass das Dementia Care Management in die Praxis kommt“, so Prof. Wolfgang Hoffmann, Versorgungsforscher am DZNE-Standort Rostock/Greifswald.
In der Studie erprobten die Wissenschaftler erstmals, was es bedeutet, wenn die Dementia Care Manager nach staatlicher Prüfung medizinische Befugnisse hatten, die sonst ausschließlich Ärztinnen und Ärzten vorbehalten sind. Dazu zählt zum Beispiel Injektionen zu verabreichen, Pflegehilfsmittel zu verordnen sowie komplexe Wunden zu versorgen. Die Dementia Care Manager machten das in enger Abstimmung mit den behandelnden Hausärztinnen und Hausärzten. „Zugleich wurden die zugehörigen Hausärztinnen und Hausärzte wirksam entlastet, weil diese in der Regel nur sehr begrenzte Kapazitäten für Hausbesuche haben“, erklärt Dr. Anika Rädke, Forscherin am DZNE und Erstautorin der Fachveröffentlichung zur aktuellen Studie.
Aus Sicht der Krankenkassen war die Betreuung im Rahmen des Dementia Care Managements zwar zunächst mit höheren Kosten verbunden als die Regelversorgung – die Evaluation zeigt jedoch, dass das Konzept insgesamt kosteneffektiv ist. „Man muss die Einsparungen mitberücksichtigen. Denn Dementia Care Management hilft, Kosten zu vermeiden“, so Wolfgang Hoffmann. „Wenn die Care Manager heilkundliche Aufgaben ausführen, statt der Ärztinnen und Ärzte, dann ist das wirtschaftlich günstiger. Außerdem trägt die bessere pflegerische Versorgung zum allgemeinen Gesundheitszustand bei. Dadurch werden Behandlungskosten vermieden, die sonst langfristig zu erwarten sind. Unsere aktuellen Befunde und Langzeitdaten aus Vorgängerprojekten belegen, dass das Dementia Care Management, insgesamt gesehen, kosteneffektiv ist.“
Langzeitdaten aus früheren Projekten belegen darüber hinaus, dass das Dementia Care Management dazu beiträgt, einen Umzug ins Pflegeheim hinauszuzögern – ganz im Sinne vieler Betroffener, die möglichst lange selbstbestimmt zu Hause leben möchten.
Der Nutzen ist damit wissenschaftlich belegt, die Übernahme in die Regelversorgung ausdrücklich empfohlen. Die Verantwortlichen der Greifswalder Studie hoffen nun, dass aus dem erfolgreichen Versorgungskonzept eine erstattungsfähige Leistung wird, die künftig von den Krankenkassen übernommen wird – und damit vielen Menschen mit Demenz dauerhaft zugutekommt.
Quelle: DZNE
Wie wird die Medizin der Zukunft aussehen? Dieser Frage widmet sich das Wissenschaftsjahr 2026. Eröffnet wird es am 20. Januar mit einer Auftaktveranstaltung in Berlin, an der auch die Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG) beteiligt sind. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) lädt alle interessierten Bürgerinnen und Bürger herzlich ein, die „Medizin der Zukunft“ kennenzulernen.
Mit dem Wissenschaftsjahr macht das Bundesforschungsministerium jedes Jahr ein Zukunftsthema aus der Forschung für alle Bürgerinnen und Bürger erlebbar und zeigt, wie Forschung unseren Alltag von morgen prägen wird. Im aktuellen Wissenschaftsjahr stehen unter anderem die Themen Pflege & Robotik, psychische Gesundheit, Krebsprävention, Gehirngesundheit und digitale Medizin im Mittelpunkt.
Wenn am 20. Januar der Startschuss für das Wissenschaftsjahr fällt, sind die DZG vertreten mit Vorträgen, Exponaten und interaktiven Formaten zu psychischer Gesundheit und Neurologie.
Wann: 20. Januar | Einlass: 17:00 Uhr | Ende: 20:00 Uhr
Wo: Futurium, Alexanderufer 2, 10117 Berlin
Die Veranstaltung ist kostenfrei.
Programm (17:30–19:00 Uhr):
Anschließend: Get-together und individueller Besuch der Ausstellung sowie Führungen durch die Futuriums-Ausstellung.
Wie tickt das Immunsystem bei Tuberkulose (TB), wenn die Infektion mit dem Bakterium Mycobacterium tuberculosis Organe außerhalb der Lunge befällt? Diese Form der Erkrankung – die sogenannte extrapulmonale Tuberkulose (EPTB) – betrifft weltweit bis zu ein Drittel aller TB-Patientinnen und Patienten. Sie kann Organe wie Lymphknoten, Knochen oder sogar das Gehirn befallen. Forschende haben nun die immunologischen Eigenschaften der EPTB im Blut von betroffenen Patientinnen und Patienten entschlüsselt.
Die Diagnose von extrapulmonaler Tuberkulose ist oft schwierig, weil die Erreger nicht wie bei Lungentuberkulose durch eine Probe aus den Atemwegen nachgewiesen werden können. Häufig ist dafür eine Gewebepunktion nötig.
Ein Forschungsteam des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF), des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), der Uniklinik Köln und des LIMES-Instituts der Universität Bonn hat erstmals detaillierte immunologische Muster im Blut von EPTB-Betroffenen entschlüsselt. Die Ergebnisse sind im renommierten Fachjournal Nature Communications erschienen.
Die Forschenden nutzten eine Kombination moderner Multi-Omics-Methoden, mit denen Gene, Proteine und weitere zelluläre Informationen gleichzeitig analysiert werden können, um die immunologischen Vorgänge zu verstehen. Unter anderem kam die Einzelzell-RNA-Sequenzierung zum Einsatz, die aufzeigt, welche Gene in einzelnen Immunzellen aktiv sind und welche Kommunikationswege das Immunsystem nutzt, um Entzündungen zu steuern und Krankheitserreger zu bekämpfen.
Die Analyse ergab drei klar unterscheidbare Immunotypen – also verschiedene Muster der Immunreaktion auf die Infektion reagiert. Diese Muster stehen im Zusammenhang mit unterschiedlichen Krankheitsverläufen. Besonders auffällig waren bestimmte Signalwege, beispielsweise die von Interferon und Interleukin-1, welche die Abwehr von Krankheitserregern durch Zellen aktivieren. Außerdem wurde eine Aktivierung von T-Zellen und Natürlichen Killerzellen beobachtet, die direkt infizierte Zellen bekämpfen. Die Erkenntnis, dass EPTB nicht nur ein einheitliches Krankheitsbild ist, sondern unterschiedliche Immunprofile umfasst, eröffnet neue Möglichkeiten für individuell zugeschnittene Therapien.
Darüber hinaus entdeckte das Team erstmals bestimmte Blut-Biomarker – also messbare Hinweise im Blut –, die dabei helfen, zwischen extrapulmonaler und pulmonaler Tuberkulose zuverlässig zu unterscheiden. Das bedeutet: Statt riskanter und schmerzhafter Gewebeprobenentnahmen könnte in Zukunft eine einfache Blutuntersuchung ausreichen, um EPTB zu erkennen. So würde die Diagnose deutlich sicherer, schneller und schonender – und die Versorgung vieler Patientinnen und Patienten erheblich verbessert.
Quelle: DZIF
Bei manchen Lungenkrebspatient:innen wachsen mehrere Tumore gleichzeitig. Für Ärzt:innen ist entscheidend: Handelt es sich um separate Tumore, die unabhängig entstanden sind oder um Metastasen – also Tumoren, die aus einem einzigen ursprünglichen Tumor abgesiedelt haben? Diese Unterscheidung beeinflusst direkt, wie die Krankheit eingestuft und welche Therapie gewählt wird. Ein Online-Tool verbessert die Diagnosesicherheit bei Lungenkrebs mit mehreren Tumorherden.
Forschende am Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) in Heidelberg haben gezeigt, dass sich diese Frage zuverlässig beantworten lässt – sogar mit kleinen Gewebeproben. Denn unter Routinebedingungen in Krankenhäusern sind meist nur kleine Gewebemengen und kleinere Sequenzierpanels verfügbar. Klassische histologische Methoden stoßen da häufig an ihre Grenzen.
Das Team aus Heidelberg analysierte Biopsien – kleine Gewebeproben aus den Tumoren – und extrahierte die DNA, also den genetischen Fingerabdruck jedes Tumors. Durch den Vergleich der genetischen Profile lässt sich erkennen, welche Tumore genetisch miteinander verwandt sind und welche unabhängig voneinander entstanden sind.
„Die präzise Unterscheidung, ob mehrere Lungentumoren miteinander verwandt oder unabhängig entstanden sind, ist entscheidend für die Therapieplanung. Diese Frage wird im klinisch-diagnostischen Alltag oft an uns gestellt“, sagt Dr. Michael Allgäuer, Erstautor der Studie. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass selbst mit den begrenzten Panels, die in vielen Krankenhäusern heute verfügbar sind, verlässliche Antworten möglich sind – insbesondere mit Unterstützung unseres frei zugänglichen bioinformatischen Tools“ ergänzt Dr. Martina Kirchner, die die umfangreichen genetischen Daten reanalysiert hatte.
Die Wissenschaftler:innen kombinierten die empfohlene Methode der International Association for the Study of Lung Cancer (IASLC) mit einem neuen Computer-Tool, das die DNA-Daten auswertet. In der Studie mit 240 Tumorproben von 120 Patientinnen und Patienten zeigten sich sehr verlässliche Ergebnisse: nur 2 % der Fälle blieben unklar. Besonders wichtig: Patientinnen und Patienten mit unabhängig entstandenen Tumoren lebten deutlich länger als jene mit Metastasen. Das unterstreicht die Bedeutung einer genauen Diagnose.
Um Kliniken weltweit zu unterstützen, ist der Clonality Checker frei zugänglich. Damit können Tumore zuverlässig analysiert und die Therapie besser geplant werden – auch in Einrichtungen mit begrenzten Testmöglichkeiten. Mit dem Tool können Ärzt:innen schneller und sicherer entscheiden, welche Behandlung Betroffene brauchen.
Quelle: DZL
Die Behandlung von Typ-1-Diabetes befindet sich im Wandel. Wissenschaftler:innen vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung (DZD) und Helmholtz Zentrum München geben einen Überblick über bahnbrechende Entwicklungen, die die Therapie verändern werden.
In einem aktuellen Review-Artikel im Fachjournal "The Lancet" bewerten Prof. Anette-Gabriele Ziegler (Helmholtz Munich und DZD) sowie ihre Kolleg:innen Prof. Eda Cengiz und Prof. Thomas W. H. Kay den aktuellen Stand der Forschung:
Dank moderner Tests – sogenannte Autoantikörper-Screenings – können Ärzt:innen die Krankheit bereits erkennen, bevor erste Symptome auftreten. Das hilft, schwere Komplikationen wie Ketoazidose zu verhindern – eine gefährliche Stoffwechselerkrankung, bei der der Blutzucker stark ansteigt und der Körper übersäuert.
Ein wichtiger Fortschritt ist die Immuntherapie mit dem Medikament Teplizumab, die den Ausbruch der Erkrankung verzögern kann. Bei Typ-1-Diabetes greift das eigene Immunsystem die Betazellen in der Bauchspeicheldrüse an – die Zellen, die Insulin produzieren. Teplizumab „beruhigt“ das Immunsystem und schützt die Betazellen. Die US-Arzneimittelbehörde hat das Medikament Teplizumab bereits zugelassen.
Weitere Forschungen zielen darauf ab, Betazellen langfristig zu erhalten oder zu ersetzen. Stammzelltherapien züchten neue Betazellen und schützen sie in speziellen Kapseln oder durch gezielte genetische Modifikation dieser Zellen, sodass das Immunsystem sie weniger angreift. Erste Studien zeigen, dass so die Insulinproduktion steigt und der Insulinbedarf sinken könnte.
Auch die tägliche Behandlung wird leichter. Neue Insuline wirken schneller, länger oder passen sich automatisch dem Blutzucker an. In Kombination mit automatischen Insulinpumpen (AID-Systemen) bleiben die Werte stabiler, und Betroffene müssen sich weniger um ihre Therapie kümmern.
Diese Fortschritte ermöglichen eine frühere Diagnose, verlangsamen die Erkrankung und verbessern die Lebensqualität. Immun- und Stammzelltherapien eröffnen Perspektiven, die langfristig die Abhängigkeit von Insulin reduzieren könnten. Die Forschung zeigt, dass die Zukunft der Behandlung nicht nur die Blutzuckerkontrolle, sondern auch Prävention und möglicherweise Heilung in den Blick nimmt.
Quelle: DZD
Erstmals belegt eine groß angelegte klinische Studie eindeutig, dass die Transkranielle Magnetstimulation (TMS) eine wirksame und sichere Behandlungsmöglichkeit für Menschen mit hartnäckigem Stimmenhören (auditorischen Halluzinationen) darstellt. Die Ergebnisse der Studie, an der Wissenschaftler der DZPG-Standorte Tübingen, München-Augsburg sowie Mannheim-Heidelberg-Ulm beteiligt waren, markieren einen wichtigen Meilenstein in der Schizophreniebehandlung.
Die Forschenden setzten eine spezielle Form der TMS ein – die kontinuierliche Theta-Burst-Stimulation (cTBS). Dabei werden gezielt die Bereiche im Gehirn stimuliert, die für Sprache und Sprachverstehen zuständig sind. 138 Erwachsene nahmen an der dreiwöchigen Studie teil. Es zeigte sich, dass die TMS die Symptome des Stimmenhörens bei vielen Patientinnen und Patienten deutlich lindern kann und gut verträglich ist. Die positiven Resultate eröffnen neue Behandlungsmöglichkeiten, die über Medikamente und Psychotherapie hinausgehen.
„Diese Ergebnisse stellen einen wichtigen Meilenstein in der Behandlung von Menschen mit auditorischen Halluzinationen dar“, sagt Studienleiter Prof. Dr. Christian Plewnia vom Universitätsklinikum Tübingen. „Die TMS bietet Betroffenen eine neue, wirksame und gut verträgliche Therapiemöglichkeit. Damit kann die Behandlung besser an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden – und das Leben der Betroffenen sich erheblich verbessern.“
Auditorische Halluzinationen sind für Menschen mit Schizophrenie häufig sehr belastend. Sie hören Stimmen ohne entsprechende äußere Schallquelle, die oft bedrohlich oder befehlend sind. Herkömmliche medikamentöse oder psychotherapeutische Behandlungen wirken oftmals nicht ausreichend oder werden nicht vertragen.
Die TMS wird bereits seit einigen Jahren als vielversprechende Behandlungsmethode bei Patienten und Patientinnen mit belastendem Stimmenhören erforscht. Es gab jedoch bislang noch keine ausreichend große Studie, die belegte, dass die Behandlung wirklich wirkt. Diese Lücke wurde nun durch die in The Lancet Psychiatry veröffentlichte Studie geschlossen.
Quelle: DZPG
Tumoren schützen sich oft mit einem dichten Stützgewebe und speziellen Proteinen vor der körpereigenen Abwehr. Ein internationales Forschungsteam hat einen neuen Weg gefunden, diese Schutzschicht zu durchbrechen. Maßgeblich daran beteiligt sind auch Wissenschaftler:innen der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen und des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung (DKTK) am Partnerstandort Essen/Düsseldorf. Ihre Erkenntnisse wurden jüngst in „Signal Transduction and Targeted Therapy“ publiziert, einem Fachjournal der Nature-Verlagsgruppe.
Die Forschenden entwickelten einen maßgeschneiderten Antikörper namens DUNP19, der das Protein LRRC15 gezielt bindet. Das Protein tritt vor allem in Tumoren auf, in gesundem Gewebe hingegen kaum. Wird der Antikörper DUNP19 mit einem radioaktiven Isotop gekoppelt, erfüllt er gleich zwei Funktionen: Er macht sichtbar, wo sich Krebszellen und ihr Umfeld im Körper befinden und bestrahlt sie gleichzeitig direkt.
In einer dazu veröffentlichten Studie erläutern die Forschenden, wie die neu entwickelte Therapie das Tumorwachstum deutlich verlangsamte. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass das radio-theranostische Targeting von LRRC15 eine vielversprechende präzisionsmedizinischePlattform für bildgestützte Diagnose, gezielte Zerstörung und molekulare Reprogrammierung von LRRC15-positivem Tumorgewebe darstellt“, sagen Prof. Dr. Katharina Lückerath und Dr. Marija Trajkovic-Arsic, die zusammen mit Lara Breuer, Prof. Dr. Ken Herrmann und Prof. Dr. Jens Siveke Teil des Studienteams sind. „Besonders eindrucksvoll: Wenn wir den Antikörper mit etablierten Immuntherapien kombinierten, konnten zuvor resistente Tumoren wieder erfolgreich bekämpft werden. Die Strahlenwirkung schaltete tumorfördernde Programme in der Tumor-Umgebung aus und machte den Weg frei für aktive Abwehrzellen.“
Die Behandlung erwies sich in den Vorversuchen als gut verträglich, berichtet das Forschungsteam. Damit eröffne sich die Chance, Patient:innen mit bislang therapieresistenten Krebsarten neue Hoffnung zu geben. Zugleich erlaube der Ansatz, Diagnose und Behandlung in einem einzigen Verfahren zu vereinen. „Das eröffnet neue Perspektiven für Patient:innen, die bislang nur begrenzte Therapieoptionen haben“, so die Autor:innen.
Quelle: DKTK
Der Health Study Hub der Initiative NFDI4Health macht Gesundheitsdaten auffindbar und zugänglich. Nun fließen auch wertvolle Informationen zu Volkskrankheiten aus den Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG) in die Plattform ein – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer modernen, vernetzten Gesundheitsforschung.
Die Nachnutzung bereits erhobener Forschungsdaten gewinnt immer mehr an Bedeutung: Daten sollen nicht nur gefunden, sondern auch für neue Forschungsfragen genutzt werden. In diesem Sinne intensivieren die DZG und das Konsortium NFDI4Health ihre Zusammenarbeit und erweitern gemeinsam den Health Study Hub – eine Suchplattform für Gesundheitsmetadaten.
„Mit der Aufnahme der DZG-Studien bereichern wir den Health Study Hub unter anderem um einen wertvollen Datenbestand klinischer Studien“, sagt Prof. Dr. Juliane Fluck, Sprecherin von NFDI4Health. „Die Veröffentlichung der Studien im Health Study Hub ermöglicht eine zentrale Sichtbarkeit der Studien und verbessert die Nachnutzbarkeit deutlich.“
Die DZG bündeln führende wissenschaftliche Einrichtungen in Deutschland, die gemeinsam an zentralen Volkskrankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Infektionen, Lungenerkrankungen, psychischen und neurodegenerativen Erkrankungen sowie im Bereich der Kinder- und Jugendgesundheit forschen. Dank der Integration ihrer Datenbestände in den Health Study Hub können Forschende, Ärztinnen und Ärzte sowie weitere Interessierte nun gebündelt Informationen zu aktuellen und abgeschlossenen Studien auffinden. Gleichzeitig werden die individuellen Forschungsleistungen der einzelnen DZG sichtbarer.
Die DZG begrüßen diesen Schritt sehr: „Die Zusammenarbeit mit dem Health Study Hub ermöglicht uns, unsere Studien mit einer Vielzahl von Informationen für Wissenschaft, Versorgung und Öffentlichkeit zugänglich zu machen und uns weiter für offene Forschungsdaten zu engagieren. Wir fördern damit den Wissenstransfer und leisten einen wichtigen Beitrag für eine vernetze Forschungs-landschaft im Gesundheitsbereich“, erklärt Prof. Dr. Werner Seeger, Sprecher der DZG.
Der Health Study Hub ist die zentrale Suchplattform von NFDI4Health für klinische, epidemiologische und Public-Health-Daten. Dabei werden nicht die eigentlichen Daten aufgefunden, sondern sogenannte Metadaten – also strukturierte Beschreibungen der jeweiligen Datensätze. Forschende können hier ihren Gesundheitsdaten Sichtbarkeit verleihen oder mittels Suchabfragen ermitteln, welche beschreibenden Daten zu einer bestimmten Erkrankung oder Fragestellung bereits existieren. So werden Daten FAIR. FAIR steht für die zentralen Eigenschaften der Datenverarbeitung „Findable“, „Accessible“, „Interoperable“ und „Reusable“ (auffindbar, zugänglich, interoperabel, wiederverwendbar).
Aktuell sind etwa 46.000 Studien, Instrumente und Dokumente im Health Study Hub verfügbar. Mit der neuen DZG-Kooperation wird der Health Study Hub weiter ausgebaut und etabliert sich damit noch stärker als zentrale Plattform für Gesundheitsstudien in Deutschland.
NFDI4Health ist Teil der von Bund und Ländern geförderten Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI). NFDI4Health hat zum Ziel, ein umfassendes Inventar deutscher epidemiologischer, Public-Health- und klinischer Studiendaten aufzubauen. Die Analyse dieser Daten ist wesentlich zur Entwicklung neuer Therapien, übergreifender Versorgungsansätze und präventiver Maßnahmen. Personenbezogene Gesundheitsdaten verlangen einen besonderen Schutz. Erklärtes Ziel von NFDI4Health ist es daher, Sicherheit und Nutzbarkeit zu vereinen. Das Konsortium setzt sich aus einem interdisziplinären Team von 14 Partnereinrichtungen zusammen. Darüber hinaus haben 52 namhafte Institutionen und Personen aus dem Gesundheitsbereich ihre Beteiligung zugesichert; von acht (inter-)nationalen Institutionen liegen Unterstützungsschreiben vor.
Wesentliches Ziel des Gesundheitsforschungsprogramms der Bundesregierung ist es, besonders häufige Krankheiten – die Volkskrankheiten – wirksamer bekämpfen zu können. Mit den Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG) als langfristig angelegte, gleichberechtige Partnerschaften von außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Universitäten und Universitätskliniken haben das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und die Länder die Voraussetzungen dafür geschaffen. Mehrere tausend Forscher:innen und Ärzt:innen arbeiten in einem der größten Gesundheitsforschungs-Netzwerke Deutschlands daran, den medizinischen Fortschritt schneller zu den Patient:innen zu bringen – über Forschungsdisziplinen und Organisationsgrenzen hinweg.
Pressekontakt NFDI4Health: Dr. Teresa Alberts , Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS, +49 421 218 56 781, alberts@leibniz-bips.de, LinkedIn
Pressekontakt DZG: Janna Schmidt/Dr. Nicola Wittekindt, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit ǀ Deutsche Zentren der Gesundheitsforschung, +49 531 6181 1170, presse@dzif.de, LinkedIn
In einer deutschlandweiten klinischen Studie untersuchen Forschende des LMU Klinikums München und des Deutschen Herzzentrums der Charité (DHZC) eine neuartige Methode der Schrittmachertherapie. Sie könnte helfen, eine durch klassische Schrittmacher hervorgerufene Herzschwäche zu vermeiden. Gefördert wird die Studie Preserve-Synch-DZHK30 vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK).
Herzschrittmacher retten Leben – insbesondere bei Menschen mit einem sogenannten AV-Block. Dabei handelt es sich um eine Störung der elektrischen Signale, die normalerweise dafür sorgen, dass das Herz im richtigen Takt schlägt. In solchen Fällen übernimmt der Schrittmacher diese Aufgabe.
Herzschrittmacher: Lebenswichtig, aber nicht ohne Nebenwirkungen
Allerdings hat die klassische Methode der Stimulation einen Nachteil: Der Herzmuskel wird an einer Stelle (der Herzspitze) stimuliert, die von der natürlichen Signalweiterleitung abweicht. Auf Dauer kann das dazu führen, dass die beiden Herzkammern nicht mehr optimal zusammenarbeiten – was die Pumpleistung des Herzens schwächt und langfristig eine Herzschwäche (Herzinsuffizienz) verursachen kann.
Die neue Methode, das sogenannte physiologische Linksbündel-Pacing (Left Bundle Branch Area Pacing, LBBAP), ahmt die natürliche Signalweiterleitung des Herzens deutlich besser nach. Statt das elektrische Signal künstlich „von außen“ zu starten, wird gezielt das innere Reizleitungssystem des Herzens – das sogenannte His-Purkinje-System – aktiviert. Dieses System sorgt im gesunden Herzen dafür, dass alle Herzmuskelzellen im richtigen Moment kontrahieren und das Herz effizient Blut durch den Körper pumpt.
„Die herkömmliche Stimulation kann die Herzleistung auf Dauer beeinträchtigen – besonders bei Patientinnen und Patienten, deren Herz fast ständig durch den Schrittmacher gesteuert werden muss“, erklärt PD Dr. Moritz Sinner, Kardiologe an der Medizinischen Klinik und Poliklinik I des LMU Klinikums München und einer der wissenschaftlichen Leiter der Studie. „Die neue Technik könnte hier eine deutlich schonendere und effektivere Lösung sein.“
An der Studie beteiligen sich über 20 Kliniken in ganz Deutschland. Insgesamt sollen etwa 200 Patientinnen und Patienten mit höhergradigem AV-Block teilnehmen – also Menschen, die dauerhaft auf einen Schrittmacher angewiesen sind.
Die wissenschaftliche Leitung teilen sich PD Dr. med. Florian Blaschke (DHZC) und PD Dr. med. Moritz Sinner (LMU Klinikum München). Die Charité übernimmt zudem die rechtliche Verantwortung für das Projekt.
„Eine so enge und produktive Zusammenarbeit zwischen zwei führenden Universitätskliniken ist nicht selbstverständlich“, sagt PD Dr. Florian Blaschke. „Umso mehr freut es uns, wie zielgerichtet und engagiert wir dieses wichtige Projekt gemeinsam voranbringen.“
Gefördert wird die Studie vom Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK). Sie gehört zur Kategorie der sogenannten „Early Clinical Trials“, also Studien in einem frühen Forschungsstadium. Dabei wird nicht direkt untersucht, ob Patientinnen und Patienten länger leben oder seltener ins Krankenhaus müssen – vielmehr wird zunächst geschaut, ob die neue Methode günstige Auswirkungen auf messbare Werte wie die Herzfunktion hat. Solche sogenannten Surrogat-Endpunkte gelten als wichtige Zwischenschritte auf dem Weg zu einer späteren breiteren Anwendung.
Sollten sich die positiven Effekte des Linksbündel-Pacings bestätigen, könnte das Verfahren schon bald Eingang in medizinische Leitlinien finden – also in die offiziellen Behandlungsempfehlungen für Ärztinnen und Ärzte. Die aktuelle Studie legt hierfür eine wichtige wissenschaftliche Grundlage. Weitere Untersuchungen sind geplant, um die Erkenntnisse zu festigen und die Methode langfristig in der klinischen Praxis zu etablieren.
Quelle: DZHK
Bei Menschen mit erhöhtem Risiko für Alzheimer kann die Fähigkeit zur räumlichen Orientierung beeinträchtigt sein. Dies zeigt eine Studie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) mit rund 100 älteren Erwachsenen, die ihre Position in einer virtuellen Umgebung bestimmen sollten. Probanden mit „subjektiven kognitiven Beeinträchtigungen“ (SCD) – dem Gefühl, dass das Gedächtnis nachlässt, obwohl Standardtests keine Auffälligkeiten zeigen – schnitten dabei schlechter ab als die Vergleichsgruppe.
Forschende interessieren sich seit einigen Jahren zunehmend für SCD. Es ist erwiesen, dass Menschen mit dieser Symptomatik ein erhöhtes Risiko haben, im späteren Leben eine Alzheimer-Demenz zu entwickeln. SCD steht für „subjektive kognitive Beeinträchtigungen“ (englisch „Subjective Cognitive Decline“). In einem Experiment statteten Forschende vom DZNE-Standort Magdeburg 102 ältere Frauen und Männer im Alter zwischen 55 und 89 Jahren mit Virtual-Reality-Brillen aus und testeten ihre Orientierungsfähigkeit. 30 Teilnehmer hatten SCD.
Die Ergebnisse zeigten, dass Personen mit SCD weniger präzise navigierten, obwohl ihre Bewegungen normal waren. Mithilfe mathematischer Modelle konnten die Forschenden nachvollziehen, dass die Schwierigkeiten auf fehlerhafte Erinnerungen an bereits durchlaufene Positionen zurückzuführen sind – ein Phänomen, das als Memory Leak bezeichnet wird. SCD kann also mit subtilen Orientierungsprobleme einhergehen – die schlechtere Orientierung könnte damit ein frühes Anzeichen für neurodegenerative Veränderungen sein.
Die Versuchspersonen bewegten sich in einer digitalen Landschaft ohne sichtbare Orientierungspunkte und mussten ihre Position allein anhand von Bewegungen und Körperwahrnehmung bestimmen. Diese Fähigkeit, Pfadintegration genannt, beruht auf speziellen neuronalen Netzwerken im entorhinalen Cortex – einem Hirnbereich, der früh von Alzheimer betroffen ist. „Wir tragen gewissermaßen einen Kompass im Kopf“, erklärt Prof. Thomas Wolbers, Forschungsgruppenleiter am DZNE-Standort Magdeburg.
„Da es in dieser virtuellen Welt keine visuellen Fixpunkte gab, konnte man sich nur mithilfe des Navigationssystems im Gehirn orientieren. Genau diese Fähigkeit wollten wir auf die Probe stellen“, erläutert Dr. Vladislava Segen, Erstautorin der Studie. Die Ergebnisse zeigten, dass die Orientierungsprobleme nicht motorischer, sondern kognitiver Natur waren: Um die eigene Position während der Bewegung korrekt einzuschätzen, muss man sich kontinuierlich an frühere Positionen erinnern. Bei Menschen mit SCD war diese Art der Erinnerung gestört (Memory Leak).
„Unsere Befunde zeigen erstmals, dass SCD mit messbaren Orientierungsproblemen einhergehen kann", so Prof. Wolbers. Langfristig könnte dies empfindlichere Testverfahren für die Frühdiagnostik von Alzheimer ermöglichen – sowohl für klinische Studien als auch für zukünftige Routinetests.“ Die Forschenden planen, diesen Ansatz weiterzuentwickeln und mit Biomarkern für Alzheimer zu kombinieren, um frühe Krankheitsstadien noch präziser zu erkennen.
Quelle: DZNE
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