Forschung entfaltet ihren Wert insbesondere dort, wo sie bei den Menschen ankommt – wenn aus Erkenntnissen neue Behandlungsmöglichkeiten werden, von denen Betroffene profitieren. Wie das beim Typ-1-Diabetes konkret gelingen kann, zeigt das Institut für Diabetesforschung vom DZD-Partner Helmholtz Munich mit seiner Beteiligung an vier klinischen Studien am Studienzentrum von TUM Klinikum und Helmholtz Munich, die den Verlust der insulinproduzierenden Betazellen verlangsamen sollen.

Welche Intervention greift bei welchem Krankheitsstadium?

Die Studien setzen an unterschiedlichen Krankheitsstadien der Autoimmunerkrankung an – vom hohen Erkrankungsrisiko bis zur frisch gestellten Diagnose – und verfolgen ein gemeinsames Ziel: Den Verlust der insulinproduzierenden Betazellen zu verlangsamen.

Damit bringen sie Erkenntnisse aus der Diabetesforschung direkt in die klinische Anwendung am Menschen. Dass dieser Weg von der Forschung bis zur zugelassenen Therapie führen kann, zeigt der Wirkstoff Teplizumab, der seit Januar 2026 in Deutschland zugelassen ist.

Der Hintergrund für alle vier Studien ist derselbe: Große Studien haben gezeigt, dass Schutz und Erhalt der β-Zellfunktion eines der wichtigsten immunmodulierenden therapeutischen Ziele beim Typ-1-Diabetes sind.

Die klinischen Studien übersetzen diese Erkenntnis in konkrete Behandlungsansätze – und prüfen für unterschiedliche Krankheitsstadien, welche Intervention zum jeweils richtigen Zeitpunkt greifen kann.

Baricitinib – Schutz für die Betazellen

DELAY und BARICADE PRESERVE prüfen den Wirkstoff Baricitinib, einen Januskinase-(JAK)-Inhibitor, der bereits bei verschiedenen Autoimmunerkrankungen eingesetzt wird. In einer früheren Studie zeigte sich, dass Baricitinib nach der Manifestation des Typ-1-Diabetes die Funktion der insulinproduzierenden Betazellen länger erhalten kann. Diese Befunde werden nun in zwei klinischen Studien der Phase 3 weiter in Richtung Anwendung geführt.
Die beiden Studien untersuchen, ob sich der Ausbruch oder das Fortschreiten von Typ-1-Diabetes mit Baricitinib bremsen lässt:

Weitere immunmodulierende Ansätze in der klinischen Prüfung

Im Rahmen des INNODIA-Netzwerks ist das Studienzentrum außerdem an zwei neuen immunmodulierenden Studien, der SAFEGUARD- und der βETA PRESERVE-Studie, beteiligt. Beide prüfen unterschiedliche Wirkstoffe mit dem Ziel, die Betazellfunktion nach der Diagnose eines Typ-1-Diabetes möglichst lange zu erhalten und so eine günstigere Therapie zu ermöglichen – auch hier steht der Transfer vielversprechender Ansätze in die klinische Anwendung im Mittelpunkt.

Wer kann an den Studien teilnehmen?

Familien und andere interessierte Personen finden detaillierte Informationen zu Ein- und Ausschlusskriterien auf den jeweiligen Studien-Webseiten. Einige zentrale Eckpunkte:

Weitere klinische Studien zu Typ-1-Diabetes finden Sie auf diabinfo.de.

Die Studien BARICADE DELAY und BARICADE PRESERVE werden von Eli Lilly and Company durchgeführt, die βETA PRESERVE-Studie von Sanofi und die SAFEGUARD-Studie von SAB Biotherapeutics.

Klinische Studien: Der Weg von der Forschung zur Therapie

Wie das DZD seinen Auftrag zu translationaler Diabetesforschung umsetzt, lesen Sie hier.

Wie der DZD-Partner Helmholtz Munich Forschungsergebnisse gemeinsam mit Kliniken gezielt in neue Therapien übersetzt, lesen Sie hier.

Quelle: DZD

Gedächtnis-B-Zellen dominieren die Anpassung an neue Coronavarianten

Das Coronavirus SARS-CoV-2 verändert sich fortlaufend. In der Folge wirken Impfstoffe schlechter und müssen regelmäßig angepasst werden. In 2025 war dies bei der Virusvariante JN.1 der Fall. Ein interdisziplinäres Team aus Hannover und Göttingen hat nun untersucht, wie das Immunsystem auf angepasste Impfstoffe reagiert. Die Ergebnisse wurden in Nature Communications veröffentlicht.

Das Genom von SARS-CoV-2 unterliegt ständigen Mutationen. Einige dieser Mutationen reduzieren die Wirksamkeit von RNA-basierten Impfstoffen, die in der Folge immer wieder angepasst werden müssen. Bislang war jedoch unklar, wie das Immunsystem auf neue Virusvarianten reagiert. Werden vor allem bereits vorhandene Gedächtnis-B-Zellen reaktiviert oder auch neue naive B-Zellen in größerem Umfang aktiviert? Diese Frage ist besonders für Personen relevant, bei denen die Immunantwort bereits durch frühere Impfungen und Infektionen geprägt ist.

Ein interdisziplinäres Team von Mediziner:innen und Naturwissenschaftler:innen vom TWINCORE, Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung in Hannover, von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen hat deshalb die Antikörper- und B-Zell-Antworten in einer Kohorte vorimmunisierter Personen nach einer Impfung mit einem an die JN.1-Variante angepassten mRNA-Impfstoff untersucht.

„Nach der Boosterimpfung haben wir eine erhöhte Antikörperbindung und eine verbesserte Neutralisation von JN.1 und nachfolgenden Virusvarianten beobachtet”, sagt Dr. Metodi Stankov. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe von Prof. Georg Behrens in der Klinik für Rheumatologie und Immunologie der MHH und einer der beiden Erstautoren der Studie.

Dabei fanden die Forschenden zunächst nur B-Zellen, die entweder ausschließlich die frühere Virusvariante Wu01 erkannten oder kreuzreaktiv gegen Wu01 und JN.1 waren. „Ausschließlich JN.1-spezifische B-Zellen nahmen dagegen nur langsam bis 21 Tage nach der Impfung zu“, sagt Dr. Matthias Bruhn, Postdoktorand am Institut für Experimentelle Infektionsforschung des TWINCORE und ebenfalls Erstautor des Artikels.

Bei der anschließenden Einzelzell-RNA-Sequenzierung der antigenspezifischen Gedächtnis-B-Zellen und bei Funktionsanalysen der entsprechenden monoklonalen Antikörper zeigte sich, dass die sogenannte somatische Hypermutation eine Spezialisierung auf eine verbesserte Bindung an JN.1 und eine wirksamere Neutralisation antreibt.

Die somatische Hypermutation ist ein natürlicher Reifungsprozess des Immunsystems. Dabei entstehen gezielt Veränderungen in den Genabschnitten von Antikörpern, die für die Antigenbindung verantwortlich sind. Durch die anschließende Auswahl besonders gut bindender Antikörper kann das Immunsystem seine Abwehr gegen bereits bekannte Erreger gezielt verfeinern.

Die Forschenden leiten aus diesen Ergebnissen ab, dass sich vor allem bereits vorhandene Gedächtnis-B-Zellen nach einer Boosterimpfung an die neue Virusvariante anpassen. Die Aktivierung naiver B-Zellen scheint dagegen nicht der dominierende Mechanismus zu sein.

„Die JN.1-angepasste Boosterimpfung geht mit einer Anpassung eines bereits bestehenden Gedächtnis-B-Zell-Repertoires an JN.1 sowie mit einer verbesserten Neutralisation zirkulierender und antigenisch nah verwandter Virusvarianten einher”, sagt Prof. Ulrich Kalinke, Direktor des Instituts für Experimentelle Infektionsforschung am TWINCORE und Wissenschaftler im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF).

„Diese Studie ist ein erster Schritt, um besser zu verstehen, wie die Anpassung von Impfstoffen an neue Virusvarianten die Immunantwort beeinflusst“, sagt Prof. Georg Behrens, stellvertretender Koordinator des DZIF-Forschungsbereichs HIV. „Mit den heute verfügbaren Methoden können wir sehr viel präziser verfolgen, wie angepasste Impfstoffe das Immungeschehen steuern.”

Unterstützt wurde die Arbeit unter anderem vom Exzellenzcluster RESIST und dem DZIF.

Quelle: DZIF

Forschende des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) am Standort Airway Research Center North (ARCN) haben ein neues Zellmuster im Tumorumfeld identifiziert, das wichtige Rückschlüsse auf die Langzeitüberlebenschancen von Patientinnen und Patienten mit nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) ermöglicht. Die Ergebnisse wurden im European Journal of Cancer veröffentlicht.

Bislang konzentrierte sich die Forschung vor allem auf Immunzellen, die direkt in den Tumor eindringen. Das Team um DZL-Forscher PD Dr. Sebastian Marwitz vom Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum konnte nun zeigen, dass auch Immunzellen, die den Tumor nicht erreichen und stattdessen im umgebenden Bindegewebe (Stroma) verbleiben, wertvolle Informationen über den Krankheitsverlauf liefern.

Für die Studie analysierten die Forschenden Gewebeproben von 674 Patientinnen und Patienten mit NSCLC aus Deutschland und Schweden. Mithilfe der Multiplex-Immunfluoreszenz wurden mehr als sechs Millionen Immunzellen erfasst, klassifiziert und ihrer räumlichen Position im Gewebe zugeordnet.

Die Analysen identifizierten fünf charakteristische Muster der Immunzellzusammensetzung sowie drei unterschiedliche räumliche Anordnungen im Stroma. Dabei zeigte sich, dass nicht nur die Anzahl bestimmter Immunzellen entscheidend ist, sondern auch ihre räumliche Organisation. Die Architektur der im Stroma verbliebenen Immunzellen erwies sich als unabhängiger Prognosefaktor für das Langzeitüberleben – ein Zusammenhang, der bislang nicht beschrieben war.

Besonders günstige Überlebenschancen zeigten Patientinnen und Patienten mit einer hohen Dichte an B-Zellen im Stroma sowie einer engen räumlichen Nachbarschaft von Helfer-T-Zellen und regulatorischen T-Zellen. Diese Kombination ließ sich auf drei etablierte Immunmarker reduzieren, was die Grundlage für einen vergleichsweise einfach umsetzbaren prognostischen Test schaffen könnte.

„Dies verdeutlicht, dass sich Erkrankungen komplexer verhalten als bisher gedacht und es nicht nur darauf ankommt, welcher Zelltyp wie häufig vorkommt, sondern vielmehr darauf, mit welchen anderen Zellen er räumlich interagiert. Dieser Forschungsansatz ist ein zentraler Bestandteil unserer Arbeiten am Forschungszentrum und im Deutschen Zentrum für Lungenforschung“, erklärt PD Dr. Sebastian Marwitz.

In weiteren Studien soll nun untersucht werden, ob sich die identifizierte Signatur auch bei fortgeschrittenem oder metastasiertem Lungenkrebs sowie bei Patientinnen und Patienten unter Immuntherapie bestätigt.

Die Studie entstand im Rahmen der Forschung des Airway Research Center North (ARCN) im DZL in Zusammenarbeit mit der Universität Uppsala und der LungenClinic Grosshansdorf. „Die erfolgreiche Umsetzung dieses Projekts war nur durch die enge Zusammenarbeit und die gebündelte Expertise unseres internationalen Konsortiums möglich. Solche wissenschaftlichen Fortschritte sind das Ergebnis einer starken gemeinsamen Forschungsleistung“, betont DZL-Forscher Prof. Dr. Torsten Goldmann, Leiter der Histologie am Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum.

Quelle: DZL

Eine räumliche Analyse von Proteinen in menschlichen Gefäßen zeigt, warum manche Ablagerungen leichter aufreißen. Ein Team vom DZHK-Standort München berichtet darüber in Nature Cardiovascular Research.

Ablagerungen in der Halsschlagader, Plaques genannt, gehören zu den häufigsten Ursachen für Schlaganfälle. Besonders gefährlich sind dabei nicht unbedingt die größten Plaques, die Gefäße einengen, sondern solche die leicht aufreißen. Sie können auch dann einen Schlaganfall auslösen, wenn die Gefäßverengung zuvor nicht besonders auffällig war. Für die Betroffenen kommt ein solches Ereignis oft völlig unerwartet.

Ein Forschungsteam unter Beteiligung des Deutschen Zentrums für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK), der Technischen Universität München (TUM) und des TUM Klinikums hat nun erstmals die räumliche Verteilung von Proteinen in verschiedenen Bereichen solcher Plaques untersucht. Die Ergebnisse zeigen, warum manche Plaques instabil werden und leichter aufbrechen können. Gleichzeitig identifizierten die Forschenden mit PCSK9 einen bekannten Regulator des Fettstoffwechsels als möglichen lokalen Marker für besonders gefährliche Plaques.

Ob eine Plaque gefährlich wird, hängt wesentlich von ihrer bindegewebigen Kappe ab. Sie trennt den fettreichen Kern der Plaque vom Blutstrom. Reißt diese Schutzschicht auf, kann sich innerhalb kurzer Zeit ein Blutgerinnsel bilden, das einen Schlaganfall auslöst. Warum die Kappe bei manchen Plaques instabil wird, ist bislang nur unvollständig verstanden.

Die entscheidenden Unterschiede liegen im Inneren der Plaques

Für die Studie analysierten die Forschenden Gewebeproben von 112 Patientinnen und Patienten, bei denen aufgrund einer hochgradigen Verengung der Halsschlagader eine Operation durchgeführt worden war. Mithilfe einer hochauflösenden Methode untersuchten sie getrennt den abgestorbenen Gewebekern, die bindegewebige Kappe und die Gefäßwand jeder Plaque. Insgesamt identifizierten sie fast 4.900 verschiedene Proteine und konnten zeigen, wo diese innerhalb der Plaque vorkommen.

Es zeigte sich, dass sich instabile Plaques vor allem im Bereich des abgestorbenen Gewebekerns und der bindegewebigen Kappe von stabileren Plaques unterscheiden. Dort fanden die Forschenden verstärkt Hinweise auf Entzündungen, Veränderungen des Fettstoffwechsels, Umbau des Stützgewebes sowie Verkalkungsprozesse. Die Gefäßwand selbst unterschied sich deutlich weniger.

„Wir wissen seit Langem, dass nicht die Größe einer Plaque allein entscheidend ist, sondern ihre Stabilität. Mit unserer räumlichen Analyse können wir erstmals genau nachvollziehen, welche molekularen Prozesse in den verschiedenen Bereichen einer Plaque ablaufen. Das eröffnet neue Möglichkeiten, gefährliche Plaques besser zu erkennen und langfristig gezielter zu behandeln“, sagt einer der beiden Letztautoren der Studie, Prof. Lars Maegdefessel vom TUM Klinikum München/DZHK-Standort München.

PCSK9 rückt als möglicher Angriffspunkt in den Fokus

Besonders auffällig war das bereits durch den Fettstoffwechsel bekannte Protein PCSK9. Es trat lokal bei instabilen Plaques häufiger auf als bei stabileren. In weiteren Experimenten konnten die Forschenden zeigen, dass Gefäßmuskelzellen unter entzündlichem und oxidativem Stress vermehrt PCSK9 bilden und freisetzen. Das deutet darauf hin, dass PCSK9 nicht nur den Cholesterinstoffwechsel beeinflusst, sondern möglicherweise auch direkt an den Veränderungen beteiligt ist, die Plaques instabil machen.

Quelle: DZHK

Eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zu diagnostizieren, dauert in Deutschland im Durchschnitt bis zum siebten Lebensjahr – zu lange, denn je früher Betroffene Unterstützung erhalten, desto besser sind ihre Entwicklungschancen. Forschende am Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) arbeiten daran, diesen Prozess mit digitalen Methoden grundlegend zu verbessern.

Prof. Dr. Christine Falter-Wagner, Heisenberg-Professorin für Klinische Entwicklungspsychologie am LMU Klinikum München und Wissenschaftlerin am DZPG, verfolgt einen innovativen Ansatz: Statt sich allein auf zeitaufwändige Interviews und subjektive Verhaltensbeobachtungen zu stützen, erfasst ihr Team das Kommunikationsverhalten von Menschen mithilfe moderner Sensorik – und wertet die Daten mithilfe von Methoden des maschinellen Lernens aus. Konkret werden dabei mehrere Kommunikationskanäle gleichzeitig aufgezeichnet: Augenbewegungen, Mimik, Körperbewegungen, Sprachmuster und physiologische Signale.

Wie gut sind zwei Menschen aufeinander abgestimmt?

Ein besonderes Augenmerk liegt auf der sogenannten interpersonellen Synchronie – also darauf, wie gut zwei Menschen in einem Gespräch aufeinander abgestimmt sind. Neurotypische Personen zeigen dabei eine feiner abgestimmte Koordination als Menschen im Autismus-Spektrum, etwa bei der Abstimmung von Blick und Gestik. Diese Unterschiede lassen sich durch KI-Algorithmen mit einer Genauigkeit von 80 bis 90 Prozent erkennen – anhand von nur zehnminütigen Videoaufnahmen.

Ein weiterer wichtiger Vorteil: Die Methode hilft dabei, Autismus von anderen psychischen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen zu unterscheiden – etwa von Borderline-Persönlichkeitsstörungen, sozialen Angststörungen oder ADHS. Genau diese Differenzierung stellt die bisherige Diagnostik vor große Herausforderungen und führt immer wieder zu Fehldiagnosen.

Technologie als Unterstützung, nicht als Ersatz

Falter-Wagner betont dabei, dass Technologie die klinische Diagnostik nicht ersetzen soll: „Die technologieunterstützte Diagnostik kann die klinische Diagnostik nicht ersetzen, da diese zum Beispiel auch die Entwicklungsanamnese beinhaltet. Letztendlich ist die klinische Gesamtschau für die Diagnostik ausschlaggebend. Trotzdem können Technologien Kliniker in Zukunft unterstützen und Wartezeiten für diagnostische Abklärungen verkürzen."

Nächste Schritte: Validierung und Akzeptanzforschung

Als nächster Schritt ist eine groß angelegte Validierungsstudie an mehreren Kliniken geplant – gefördert durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses. Außerdem wird in einer Begleitstudie untersucht, wie Betroffene und Angehörige diese neue Form der digitalen Diagnostik wahrnehmen und akzeptieren.

Originalpublikation: Koehler JC, Dong MS, Bierlich AM, et al. Machine learning classification of autism spectrum disorder based on reciprocity in naturalistic social interactions. Transl Psychiatry. 2024;14(1):76. Published 2024 Feb 3. doi: 10.1038/s41398-024-02802-5

Quelle: DZPG

 

Studie zeigt Potenzial digitaler Erfassung: mögliche Anwendung in der Therapieforschung und im klinischen Alltag

Magdeburg, 10. Juni 2026. Menschen mit „Mild Cognitive Impairment“ (MCI), auch „leichte kognitive Beeinträchtigung“ genannt, haben ein erhöhtes Demenzrisiko. In der Tat nimmt bei vielen von ihnen die geistige Leistungsfähigkeit allmählich ab. Smartphone- oder Tablet-basierte Gedächtnistests können diesen subtilen Rückgang schneller erfassen als herkömmliche Untersuchungen. Das zeigt eine Studie des DZNE in Kooperation mit Universitätskliniken in Deutschland, der University of Wisconsin-Madison in den USA und dem Magdeburger Start-up neotiv. Solche digitalen Tests könnten nach Ansicht der Forschenden klinische Studien zu neuen Demenzmedikamenten beschleunigen – insbesondere bei Alzheimer. Langfristig sehen sie auch Potenzial für die klinische Praxis. Die Studienergebnisse sind im Fachjournal npj digital medicine veröffentlicht und beruhen auf Daten von rund 200 älteren Erwachsenen.

„Herkömmliche Verfahren zur Bewertung der geistigen Leistungsfähigkeit beruhen auf standardisierten Aufgaben, die man mündlich oder schriftlich lösen muss – und insbesondere unter Aufsicht“, erläutert Dr. David Berron, der am DZNE-Standort Magdeburg eine Forschungsgruppe leitet. Berron ist überdies Mitgründer des Unternehmens „neotiv“, dessen App in der aktuellen Studie zum Einsatz kam. „Im Unterschied dazu beruht die aktuelle Studie auf eigenständigen Gedächtnistests mit der neotiv Trials-App, wodurch wir sogenannte digitale Biomarker erfassen können. Die Ergebnisse zeigen, dass dieser Ansatz ebenfalls aussagekräftige Daten darüber liefert, wie sich die geistige Leistungsfähigkeit im Zeitverlauf entwickelt. Dieser Nachweis ist sogar innerhalb eines kürzeren Zeitraums möglich, auch weil die Messung häufiger durchgeführt werden kann – also mit höherer Frequenz – als auf klassische Weise. Auch wenn wir eine spezielle App genutzt haben, sollte man diese Ergebnisse aus meiner Sicht im größeren Zusammenhang sehen: Sie belegen erstmals, dass sich der Verlauf des kognitiven Abbaus bereits über einen relativ kurzen Zeitraum digital erfassen lässt.“

An der aktuellen Studie nahmen insgesamt 202 Frauen und Männer aus Deutschland und den USA teil. Sie waren zwischen 52 und 85 Jahre alt – von ihnen hatten 50 MCI, also eine „leichte kognitive Beeinträchtigung“. Menschen mit dieser Symptomatik kommen im Alltag im Allgemeinen noch gut zurecht. Ihre geistige Leistungsfähigkeit ist jedoch messbar beeinträchtigt.

Testung zu Hause

Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass die hier genutzte Mobilanwendung – ihr Testprinzip beruht auf Forschung des DZNE – MCI erkennen kann. Nun belegt die aktuelle Untersuchung, dass diese eigenständige Testung auch empfindlich genug ist, um subtile Veränderungen der kognitiven Leistungsfähigkeit über die Zeit zu erfassen. „Aus medizinischer Sicht ist nicht nur relevant, ob eine leichte kognitive Beeinträchtigung vorliegt, sondern ebenso, ob die Symptome stabil bleiben oder sich verschlimmern“, so Berron.

Nach Ansicht von Dr. Sarah Polk, Erstautorin der aktuellen Veröffentlichung und Kollegin von David Berron, hat der mobile Ansatz der App entscheidende Vorteile: „Den Test kann man in Ruhe zu Hause machen. Man braucht nur Smartphone oder Tablet – muss kein Studienzentrum aufsuchen, benötigt keinen Termin. So lässt sich die Testung ohne großen Aufwand in kurzen Abständen wiederholen.“

Engmaschige Erfassung

Auf diese Weise könnten Veränderungen in der geistigen Leistungsfähigkeit engmaschiger verfolgt werden als mit klassischen Verfahren. „Mit der herkömmlichen Methode ist aufgrund des Aufwands eine Testung nur ein- bis zweimal im Jahr realistisch. Unsere Proband:innen hingegen haben die App rund sieben bis zwölf Monate lang genutzt und sich etwa alle zwei Wochen damit getestet. In diesem Zeitraum konnten wir bei Personen mit MCI bereits eine Veränderung der kognitiven Leistung feststellen“, erläutert Polk.

Dass solche Ergebnisse verlässlich sind, ist keine Selbstverständlichkeit – ein neues Verfahren muss erst beweisen, dass es tatsächlich misst, was es messen soll. Dafür ist ein angemessener Vergleichsmaßstab erforderlich: In der aktuellen Studie lagen für alle Teilnehmenden klinische Langzeitdaten vor, die über durchschnittlich acht Jahre mit etablierten Verfahren erhoben worden waren. Der langfristige Trend aus diesen Daten deckte sich mit den App-Ergebnissen aus wenigen Monaten – ein Beleg dafür, dass die digitale Messung valide ist. „Für mich war besonders beeindruckend, dass wir mit wenigen Monaten App-Nutzung ein Signal erfassen konnten, das mit jahrelangen klinischen Beobachtungen übereinstimmt. Das gibt uns Vertrauen, dass diese Methode wirklich misst, was sie messen soll“, ergänzt Polk.

Kürzere Therapiestudien, individuelles Monitoring

„Die Therapie-Entwicklung ist ein naheliegender Anwendungsbereich für den digitalen Ansatz – also die Erprobung neuer Medikamente gegen Demenz“, sagt Berron. Hier gehe es darum, festzustellen, ob und wie gut ein experimenteller Wirkstoff den geistigen Abbau verlangsamt – idealerweise schon im Stadium des MCI, das als mögliche Vorstufe einer Demenz gilt. „Mit einem digitalen Ansatz könnte man solche Therapie-Studien wahrscheinlich beschleunigen. Weil sich schneller als auf herkömmliche Weise feststellen lassen könnte, ob das getestete Medikament die gewünschte Wirkung hat.“ Perspektivisch, sobald noch mehr Daten vorliegen, könnte das Verfahren auch im klinischen Alltag zum Einsatz kommen, schätzt Berron. „Hier sehe ich zwei Praxisfelder: Einerseits, um zu ermitteln, ob sich die geistige Leistungsfähigkeit altersgemäß entwickelt. Zum anderen ließe sich bei einer laufenden Behandlung überprüfen, ob – und wie gut – sie wirkt. Kurz gesagt: Es geht um individuelles Patientenmonitoring.“

Stadien der Erkrankung

Alzheimer, die häufigste Demenzerkrankung, breitet sich schrittweise im Gehirn aus – wodurch nach und nach weitere Hirnbereiche geschädigt werden. Die App berücksichtigt dieses Phänomen: Ihre vier Teilaufgaben, bei denen es darum geht, sich Bilder von Gegenständen und Räumen einzuprägen oder Unterschiede zwischen Abbildungen zu erkennen, sprechen unterschiedliche Gedächtnisfunktionen und damit verschiedene Hirnregionen an. Bei den untersuchten Personen mit MCI war die Leistung in zwei dieser Aufgaben schon zu Studienbeginn stark beeinträchtigt und keine weitere Verschlechterung messbar. „Das deutet darauf hin, dass die zugehörigen Hirnregionen schon so weit geschädigt waren, dass sie die untere Grenze ihrer Funktionsfähigkeit bereits erreicht hatten“, so Berron. In den anderen zwei Aufgaben hingegen konnte infolge der fortschreitenden Erkrankung ein gradueller Leistungsrückgang über die Zeit gemessen werden.

Noch vor MCI?

Tests mit der App beziehungsweise Teilaufgaben, die bei MCI keine Veränderungen mehr nachweisen, könnten in noch früheren Stadien der Erkrankung besonders wichtig sein, meint Berron. „In diesem Stadium treten lediglich subtile Beeinträchtigungen auf, die mit herkömmlichen Gedächtnistests nicht messbar sind. Wir wollen nun gezielt untersuchen, inwiefern der digitale Ansatz hier weiterhelfen kann.“

Quelle: DZNE

Der Zusammenhang von Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann künftig noch intensiver als bisher erforscht werden: Wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bekannt gab, fördert sie künftig den standortübergreifenden Sonderforschungsbereich 1774 „CARDIO-DIABETES-CROSSTALK“. Am Projekt beteiligt sind u.a. das Deutsche Diabetes-Zentrum (DDZ) und weitere Forschende des DZD.

„Der Sonderforschungsbereich eröffnet uns neue Möglichkeiten, das kardio-metabolische Krankheitsspektrum systematisch zu erforschen. Unser Ziel ist es, neue Untersuchungsmethoden zur Früherkennung zu entwickeln und im klinischen Alltag zu etablieren – um nicht nur die Versorgung von Menschen mit Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verbessern, sondern deren Entstehung sogar zu verhindern”, betont Professor Michael Roden, wissenschaftlicher Geschäftsführer und Sprecher des Vorstands des DDZ sowie Direktor der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Düsseldorf (UKD) und DZD-Vorstand.

In Deutschland leben rund 9,5 Millionen Menschen mit Diabetes, Prävalenz steigend. Häufig geht Diabetes mit Begleiterkrankungen einher. So ist etwa das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Menschen mit Typ-2-Diabetes deutlich erhöht. Wie genau dieser Zusammenhang entsteht, wird der neue Sonderforschungsbereich „CARDIO-DIABETES-CROSSTALK“ untersuchen. Im Fokus stehen dabei die Ursachen und biologischen Prozesse beider Erkrankungen. Ziel ist es, die zentralen molekularen Faktoren und das Zusammenspiel von Zellen zu identifizieren, die erklären können, wie sich Störungen im Energiestoffwechsel entwickeln und Entzündungen entstehen. Dafür legt der Sonderforschungsbereich sowohl einen Schwerpunkt auf die Erforschung der molekularen Vorgänge in den betroffenen Organen, als auch auf die Effekte, die eine Störung des Energiestoffwechsels auf das Herz-Kreislauf-System hat.

Der Sonderforschungsbereich profitiert von der hervorragenden Infrastruktur an der Heinrich-Heine-Universität auf dem Campus des UKD – insbesondere durch die räumliche Nähe zum Forschungsgebäude CARDDIAB (“Translational science building for CARDiovascular reseach in DIABetes“), das aktuell gebaut wird. Hier werden künftig präklinische und klinische Forschung zu Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen gebündelt, neue Konzepte für den Erhalt der Gesundheit der Bevölkerung erstellt und maßgeschneiderter Therapien entwickelt.

Neue Ansätze für Früherkennung und gezielte Prävention

Die Rolle des Co-Sprechers übernimmt Prof. Robert Wagner, Leiter der Arbeitsgruppe Klinisches Studienzentrum am DDZ und Oberarzt an der Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am UKD: „Mit der Förderung der DFG können wir Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen stärker als gemeinsames Krankheitskontinuum untersuchen. Wir möchten die präzise Charakterisierung von Menschen mit Diabetes und molekulare Analysen eng miteinander verbinden. So wollen wir besser verstehen, warum bestimmte Menschen mit Diabetes oder einer Vorstufe des Diabetes früh kardiovaskuläre Komplikationen entwickeln – und daraus neue Ansätze für Früherkennung und gezielte Prävention ableiten.“ Sprecherin des Sonderforschungsbereiches ist Prof. Maria Grandoch, Leiterin des Instituts für Translationale Pharmakologie an der HHU.

Am Standort Düsseldorf sind unter anderem außerdem PD Dr. Oana-Patricia Zaharia (DDZ, Klinik für Endokrinologie und Diabetologie am UKD) und Prof. Eckhart Lammert (DDZ, Institut für Stoffwechselphysiologie an der HHU) beteiligt. Beim DZD-Partner Helmholtz Munich sind Forschende des Instituts für Diabetes und Adipositas involviert.

Bei der DFG wurde für das Projekt ein Fördervolumen von mehr als elf Millionen Euro über eine Laufzeit von knapp vier Jahren beantragt.

Quelle: DZD

Wissenschaftliche Highlights, transdisziplinäre Forschung und neue Kooperationen stehen im Mittelpunkt des DZG Munich Day am 29. Juli 2026. Die acht Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG) am Standort München laden zum vierten Mal Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Karrierestufen ein, aktuelle Forschungsergebnisse kennenzulernen, Zentren-übergreifend Ideen auszutauschen und gemeinsame Forschungsstrategien sowie innovative Technologien zu erkunden.

Unter dem Motto „Munich meets Munich“ richtet sich der DZG Munich Day insbesondere an Forschende aus München, die einem der acht Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung angehören. Darüber hinaus nehmen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus DZG-Standorten in ganz Deutschland teil.

Wissenschaftlicher Austausch in der Gesundheitsforschung

Die Veranstaltung hat sich als zentrale Plattform für den wissenschaftlichen Austausch in der Gesundheitsforschung etabliert. Bereits im vergangenen Jahr nutzten mehr als 200 Gäste aus Forschung, Klinik, Politik und Wissenschaftsorganisationen die Gelegenheit zum Networking sowie zur Initiierung neuer Forschungsprojekte.

Eröffnet wird die Veranstaltung von Prof. Martin Hrabě de Angelis, Wissenschaftlicher Geschäftsführer und Sprecher von Helmholtz Munich sowie Mitglied des DZG-Vorstandes. Zudem wird die Bundesministerin für Forschung, Technik und Raumfahrt, Dorothee Bär, per Videobotschaft ein Grußwort sprechen. Im Anschluss informiert Prof. Stefanie Dimmeler, Sprecherin des DZG-Vorstandes, über aktuelle Entwicklungen und gemeinsame Aktivitäten der Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung.

Mit KI zu neuen Anwendungen für erprobte Medikamente

Ein besonderes Highlight ist die Podiumsdiskussion zum Thema „AI meets Drug Repurposing“. Wie sich mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (AI) für bereits bekannte oder zugelassene Medikamente neue Anwendungsgebiete erschließen lassen, erörtert ein hochkarätig besetztes Podium - mit Kamyar Hadian (Drug Discovery), Ralf Huss (Managing Director BioM), Giulia Magno (Clinician Scientist), Julia Schnabel (AI for Biomedical Imaging), Stephan Sieber (Chemist) und Fabian Theis (AI Expert). Michael von Bergwelt (Spokesperson DKTK Munich) moderiert die Diskusion.

Gemeinsam forschen und Synergien nutzen

Auch wenn sich die verschiedenen Volkskrankheiten in ihrer Ausprägung unterscheiden, bestehen häufig gemeinsame biologische Ursachen und Mechanismen. Die enge Vernetzung der DZG eröffnet einzigartige Möglichkeiten, innovative Forschungsansätze zu entwickeln und schneller in die medizinische Anwendung zu überführen.

Ein besonderer Schwerpunkt des DZG Munich Day liegt deshalb auf der Zusammenarbeit zwischen den Zentren. Vorgestellt werden unter anderem aktuelle transdisziplinäre Projekte zu folgenden Themen:

Darüber hinaus erwartet die Teilnehmenden ein vielseitiges Programm mit aktuellen Themen aus Forschung und Wissenschaftsmanagement:

Möglichkeit neue Kooperationen zu initiieren

Auch bietet die Veranstaltung vielfältige Möglichkeiten zum Austausch und zur Anbahnung neuer Kooperationen. Forschende aller Karrierestufen – von Early Career Scientists bis hin zu Principal Investigators (PI) – erhalten Raum für Diskussionen über gemeinsame Perspektiven und Herausforderungen der translationalen Gesundheitsforschung.

Weitere Informationen

4th DZG Munich Day - DZG – Deutsche Zentren der Gesundheitsforschung

Heidelberger Experten haben ein KI-System entwickelt, das Hirntumoren anhand gewöhnlicher mikroskopischer Gewebeschnitte mit bislang unerreichter Genauigkeit klassifizieren kann. Das System erkennt anhand digitalisierter Standardfärbungen mehr als 100 molekulare Untergruppen von Tumoren des zentralen Nervensystems, liefert Ergebnisse innerhalb weniger Minuten und könnte die Diagnostik von Hirntumoren weltweit beschleunigen.

Tumoren des Gehirns und Rückenmarks sind äußerst vielgestaltig. In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass viele dieser Tumoren nur dann zuverlässig diagnostiziert werden können, wenn neben dem mikroskopischen Erscheinungsbild auch ihre molekularen Eigenschaften untersucht werden. Besonders wichtig ist dabei die sogenannte DNA-Methylierungsanalyse, die heute als Goldstandard für die genaue Einordnung vieler Hirntumoren gilt.

Solche Untersuchungen sind jedoch aufwendig: Sie erfordern spezialisierte Labore, teure Geräte und ausreichend Tumormaterial. Zudem vergehen häufig rund zwei Wochen, bis die Ergebnisse vorliegen. In vielen Regionen der Welt stehen entsprechende Technologien gar nicht zur Verfügung.

KI lernt an über 11.000 Gewebeschnitten

Ein neues, „Hetairos“ genanntes KI-System soll für substanzielle Verbesserungen sorgen. Entwickelt wurde es von einem Team unter der Leitung von Moritz Gerstung (Deutsches Krebsforschungszentrum, DKFZ) und Felix Sahm (Medizinische Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg, Universitätsklinikum Heidelberg und Wissenschaftler im Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung, DKTK). Ziel des Projekts war es, allein aus den routinemäßig angefertigten und-gefärbten histologischen Schnitten vorherzusagen, zu welcher molekularen Tumoruntergruppe ein Tumor gehört.

Hetairos wurde mit mehr als 11.000 digitalisierten Gewebeschnitten von 9.606 Patienten trainiert und validiert. Die Diagnosen wurden überwiegend mit der DNA-Methylierungsdiagnostik erhoben. Die Daten stammten von elf medizinischen Zentren auf vier Kontinenten. Insgesamt unterscheidet Hetairos 102 verschiedene molekulare Tumorsubtypen, die nahezu das gesamte Spektrum der heutigen WHO-Klassifikation von Tumoren des zentralen Nervensystems abdecken.

Die KI bewertet nicht nur ihre Diagnose, sondern gibt auch an, wie sicher sie sich dabei ist. In etwa 50 bis 70 Prozent aller Fälle traf Hetairos Vorhersagen mit hoher Sicherheit. In diesen Fällen lag die Genauigkeit bei rund 87 bis 88 Prozent. Selbst wenn die KI unsicher war, konnte sie die Zahl möglicher Diagnosen meist stark eingrenzen.

Statt zwischen mehr als hundert Tumoruntergruppen unterscheiden zu müssen, nennt Hetairos den Neuropathologen häufig nur noch wenige wahrscheinliche Kandidaten. Dies kann die Auswahl weiterer diagnostischer Tests erheblich erleichtern. "Die Arbeit zeigt, dass künstliche Intelligenz in der Lage ist, molekulare Informationen direkt aus Routine-Gewebeschnitten abzuleiten und damit die Krebsdiagnostik grundlegend zu verändern“, so Darui Jin, einer der federführenden Autoren der Arbeit.

Hetairos schlägt erfahrene Fachärzte

Besonders bemerkenswert war der direkte Vergleich mit menschlichen Expertinnen und Experten. Fünf erfahrene Neuropathologen aus unterschiedlichen internationalen Zentren erhielten 210 Fälle und sollten allein anhand der Gewebeschnitte eine Diagnose stellen. Hetairos erreichte dabei eine Trefferquote von 68 Prozent, während die Fachärzte im Durchschnitt auf 30 Prozent kamen. Berücksichtigte man die jeweils drei wahrscheinlichsten Diagnosen, lag die KI bei 84 Prozent, die Fachärzte bei etwa 50 Prozent.

„Die Ergebnisse zeigen, dass moderne KI-Systeme inzwischen in der Lage sind, äußerst feine morphologische Muster zu erkennen, die selbst für erfahrene Spezialisten schwer zu unterscheiden sind“, sagt Felix Sahm.

„Aktuell stellt die Diagnose von sehr seltenen Tumorarten noch eine große Herausforderung für Hetairos dar, hier scheinen erfahrene Neuropathologen mindestens ebenbürtig. Wir gehen allerdings davon aus, dass die Leistungsfähigkeit des Systems mit größeren und vielfältigeren Datensätzen noch weiter steigt“, ergänzt Moritz Gerstung.

Diagnose in zwölf Minuten statt zwölf Tagen

In einer prospektiven Studie wurde Hetairos parallel zur klinischen Routine eingesetzt. Dabei analysierte das System 210 Tumorproben, ohne dass das KI-Ergebnis Einfluss auf die tatsächliche Diagnose oder Therapieentscheidung hatte.

Während die vollständige molekulare Diagnostik durchschnittlich etwa zwölf Tage benötigte, erzeugte Hetairos seinen Befund nach Digitalisierung der gefärbten Gewebeschnitte in nur zwölf Minuten auf handelsüblicher Computerhardware. Einschließlich Präparation und Digitalisierung der Gewebeschnitte könnten Ergebnisse oft bereits innerhalb von 24 Stunden bis zwei Tagen verfügbar sein.

Hilfe bei schwierigen und unklaren Fällen

Besonders wertvoll könnte Hetairos dort sein, wo klassische molekulare Verfahren an ihre Grenzen stoßen, wenn zu wenig Tumormaterial für genetische Untersuchungen vorhanden ist oder wenn molekulare Tests keine eindeutigen Ergebnisse liefern. Darüber hinaus markiert das System jene Bereiche im Gewebeschnitt, die für seine Entscheidung besonders wichtig waren. Dadurch können Ärzte nachvollziehen, worauf die KI ihre Diagnose stützt und welche Regionen gegebenenfalls für weitere Untersuchungen geeignet sind.

„Wir haben Hetairos vor allem als Werkzeug zur Unterstützung der Diagnostik entwickelt“, erläutert der Neuropathologe Felix Sahm. „Es soll molekulare Analysen nicht ersetzen, sondern gezielt ergänzen und beschleunigen. Besonders in Ländern oder Regionen mit begrenzten Ressourcen könnte die Technologie einen wichtigen Beitrag leisten, da sie auf den weltweit verwendeten Standard-Gewebeschnitten basiert.“

Auch wirtschaftlich könnte die Methode Vorteile bieten. Während eine DNA-Methylierungsanalyse typischerweise mehrere hundert Euro kostet, nutzt Hetairos für eine Analyse ohnehin vorhandene Gewebeschnjtte. Moritz Gerstung bestätigt: „Hetairos zeigt das enorme Potenzial KI-gestützter digitaler Pathologie, schnelle und breit verfügbare Diagnoseverfahren bereitzustellen, die bislang nur mit erheblichem technischem Aufwand möglich waren.“

QUELLE: DKFZ

ORIGINALPUBLIKATION: Jin D., Shmatko A., Patel A. et al. Hetairos is a histology-based artificial intelligence model for predicting central nervous system tumor methylation subtypes. Nature Cancer (2026).

Bakterien werden zunehmend resistent gegen Antibiotika. Eine Alternative ist die Behandlung mit sogenannten Phagen – Viren, die ausschließlich Bakterien befallen und gezielt abtöten. In einer europaweiten Studie mit Patientinnen und Patienten, die unter wiederkehrenden Harnwegsinfektionen leiden, wollen Forschende des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) nun erstmals untersuchen, ob sich der Kreislauf aus Infektion, Antibiotikabehandlung und erneuter Infektion durchbrechen lässt. Dazu testen sie die Kombination aus Phagentherapie und Wiederherstellung des Darmmikrobioms.

Harnwegsinfektionen gehören zu den häufigsten bakteriellen Infektionen weltweit. Jährlich erkranken mehr als 400 Millionen Menschen daran. Bei etwa 30 bis 50 Prozent der Betroffenen treten die Infektionen wiederholt auf. Gleichzeitig nimmt die Zahl antibiotikaresistenter Erreger zu, sodass herkömmliche Therapien zunehmend an ihre Grenzen stoßen.

Hier setzt das Forschungsprojekt REPhRAME an. Das von der Universitätsmedizin Frankfurt koordinierte Projekt unter der Leitung von Prof. Dr. Maria J. G. T. Vehreschild untersucht erstmals in einer großen randomisierten klinischen Studie einen zweistufigen Behandlungsansatz: Zunächst sollen Phagen – Viren, die gezielt Bakterien abtöten – die Krankheitserreger bekämpfen. Anschließend wird die Darmflora wiederhergestellt, um erneute Infektionen zu verhindern.

Neue Strategie gegen einen Teufelskreis aus Infektion und Antibiotikaeinsatz

Im ersten Schritt erhalten die Patientinnen und Patienten eine Phagentherapie. Zum Einsatz kommt SNIPR001, ein mithilfe der CRISPR-Technologie entwickelter Phagencocktail, der gezielt gegen bestimmte Stämme des Darmbakteriums Escherichia coli wirkt – den häufigsten Auslöser von Harnwegsinfektionen. Da Phagen ausschließlich bestimmte Bakterien infizieren, bleiben nützliche Mikroorganismen weitgehend erhalten. Gleichzeitig soll das Risiko für weitere Antibiotikaresistenzen verringert werden.

Anschließend soll das natürliche Darmmikrobiom wiederhergestellt werden. Dazu wird INTESTIFIX 001 der Cologne Microbiota Bank eingesetzt. Das Präparat überträgt Darmbakterien gesunder Spenderinnen und Spender, um das mikrobielle Gleichgewicht im Darm zu stabilisieren und den Körper langfristig besser vor erneuten Harnwegsinfektionen zu schützen.

Im Rahmen der Studie vergleichen die Forschenden drei Behandlungsstrategien: eine Phagentherapie allein, die Kombination aus Phagen und Antibiotika sowie die Kombination aus Phagentherapie und anschließender Wiederherstellung des Darmmikrobioms. Untersucht werden sowohl die Sicherheit als auch die Wirksamkeit der verschiedenen Ansätze.

Die Europäische Union fördert das auf fünf Jahre angelegte Projekt mit 15 Millionen Euro aus dem Forschungsprogramm Horizon Europe. REPhRAME startete im Juni 2026 und vereint Partnerinnen und Partner aus mehreren europäischen Ländern. Ziel ist es, neue Therapieoptionen für Menschen mit wiederkehrenden Harnwegsinfektionen zu entwickeln und gleichzeitig den Einsatz von Antibiotika nachhaltig zu reduzieren.

Quelle: DZIF

Warum können manche Menschen nach einer Lungentransplantation deutlich länger mit ihrer neuen Lunge leben als andere? Dieser Frage geht ein Forschungsteam des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL) am Standort BREATH an der Medizinischen Hochschule Hannover nach.

Lungentransplantationen sind oft die letzte Behandlungsmöglichkeit für schwer lungenerkrankte Menschen. Doch ein Teil der Betroffenen entwickelt im Laufe der Zeit eine chronische Abstoßungsreaktion, eine sogenannte chronische Lungentransplantatdysfunktion (CLAD). Dadurch verliert die transplantierte Lunge nach und nach ihre Funktion. Noch immer verstirbt etwa die Hälfte der Transplantierten innerhalb von sechs bis zehn Jahren nach dem Eingriff.

Ein Forschungsteam um PD Dr. Lavinia Neubert und PD Dr. Jan-Christopher Kamp von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) untersucht deshalb sogenannte Super Survivors. Das sind Patientinnen und Patienten, die auch nach mindestens drei Jahren keine Anzeichen einer chronischen Abstoßung zeigen. Die Forschenden möchten herausfinden, was diese Menschen schützt.

Im Mittelpunkt stehen Alveolarmakrophagen. Diese speziellen Immunzellen sitzen in den Lungenbläschen und spielen möglicherweise eine wichtige Rolle beim Schutz der transplantierten Lunge. Darauf deuten frühere Untersuchungen hin. Das Team analysiert Blut und Gewebe von Super Survivors, von Patientinnen und Patienten mit chronischer Abstoßung – also CLAD – sowie von gesunden Menschen.

Die Forschenden interessiert, welche Arten von Makrophagen, also bestimmte Immunzellen, und welche biologischen Signalwege dazu beitragen, dass eine transplantierte Lunge langfristig vom Körper akzeptiert wird und die Patientinnen und Patienten länger leben.

Mit modernen Analyseverfahren wie der Proteomik und der Untersuchung von Immunbotenstoffen sucht das Team nach neuen Biomarkern. Das sind messbare biologische Merkmale, die Hinweise auf den Gesundheitszustand geben und künftig mithilfe einfacher, minimalinvasiver Bluttests bestimmt werden könnten. Langfristig sollen sie dabei helfen, das Risiko einer chronischen Abstoßung frühzeitig zu erkennen und Behandlungen besser auf die einzelnen Patientinnen und Patienten abzustimmen.

Das Projekt „Identifying liquid biomarkers for the prediction of clinical outcomes after lung transplantation using plasma proteomics“ ist eine Kooperation mehrerer Einrichtungen der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), der Hannover Unified Biobank (HUB) sowie des Fraunhofer-Instituts für Toxikologie und Experimentelle Medizin (ITEM).

Das Projekt wird vom Land Niedersachsen und der VolkswagenStiftung mit rund 465.000 Euro gefördert.

Quelle: DZL

Wie prägt die Forschung von heute die Medizin von morgen? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Wissenschaftsjahr 2026 „Medizin der Zukunft“. Auch Forschende aus den Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG) sind dabei.

Das ganze Jahr über laden das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und seine Partner bundesweit zu Veranstaltungen ein, die Forschung erlebbar machen. Ob Ausstellung, Konzert, Mitmachaktion oder Dialogformat – die Angebote stehen allen offen, die die Medizin der Zukunft entdecken möchten.

In den Veranstaltungen geht es insbesondere um diese Fragen:

Hingehen und Mitmachen - alles zum Wissenschaftsjahr 2026

Übersicht der Projekte, in denen DZG-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftlern mitwirken:

Pflaster aufs Herz? – Forschung zum Anfassen auf der MS Wissenschaft

#Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK)

Als Teil des Wissenschaftsjahres 2026 tourt die MS Wissenschaft mit 30 interaktiven Exponaten durch Deutschland, Österreich und Polen. Mit dabei ist auch das DZHK: Forschende aus Göttingen und Lübeck zeigen ein innovatives Herzpflaster aus lebenden Herzmuskelzellen, das Menschen mit schwerer Herzschwäche helfen soll. Besucherinnen und Besucher können anhand von Herzmuskelgewebe und einem 3D-Modell des Herzens nachvollziehen, wie aus Forschung neue Therapien entstehen. Aktuell läuft die erste klinische Studie zum Herzpflaster, die vom DZHK finanziert wird.

Zum Tourplan
Zum Herzpflaster-Exponat

Noten und Neuronen: Musik für die Gehirngesundheit

#Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)

Kann Musik das Gehirn gesund halten? Die Konzertreihe „Noten und Neuronen“ verbindet Live-Musik mit aktueller Hirnforschung. In sechs Konzerten in Berlin, Bonn, Dortmund, München und Köln zeigen Forschende des DZNE, wie Musik die geistige Fitness fördern und zur Prävention von Demenz beitragen kann. Mitmachangebote wie digitale Gedächtnistests laden das Publikum dazu ein, die Forschung selbst zu erleben.

Zur Konzertreihe

LandGesund: Prävention von Adipositas bei Kindern im ländlichen Raum

#Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK)
#Deutsches Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit (DZKJ)

Forschende des DZHK und DZKJ bringen Gesundheitsforschung in die Lebenswelt von Kindern und Familien im ländlichen Raum Vorpommerns. Gemeinsam mit Schulen, Vereinen, Kommunen und Familien entwickeln sie neue Ansätze, um Übergewicht und Adipositas vorzubeugen – praxisnah, alltagsorientiert und zum Mitmachen.

Bundesweite SchulKinoWochen 2026

#Deutsches Zentrum für Lungenforschung (DZL)

Forschende des DZL waren im Rahmen der SchulKinoWochen in Kinos in Hessen und Niedersachsen zu Gast. Im Anschluss an den Film „Amelie rennt“ diskutierten sie mit Schülerinnen und Schülern über Asthma, Prävention und den Umgang mit chronischen Lungenerkrankungen.

Termine: